Meine allerliebsten Leser,
einst ergab es sich, dass die Wörterhexe Vivian den Geschichtenhimmel um eine neue Erzählung anflehte. Der Buchstabengott grübelte lange, ob er ihr wirklich noch eine weitere Geschichte zumuten sollte und nachdem sie ihm versprochen hatte, dass sie es langsam und gemächlich angehen würde, ließ er neue Buchstaben auf die Erde rieseln und pflanzte sie in ihren Kopf. Sie freute sich sehr darüber und machte sich eifrig ans Werk. Sie arbeitete viele, viele Stunden lang und setzte die Buchstaben zu einer zauberhaft kleinen Geschichte zusammen. Über das Ergebnis war sie so glücklich, dass sie beschloss, ihre Freude darüber, mit den vielen emsigen Geschichtensammlern zu teilen, die sie schon so lange auf ihrem Weg begleiteten.
Lasst Euch nun in eine Welt voller Magie und zauberhafter Romantik entführen. Begleitet unsere süße Fee Alice auf die Erde, wo sie ihren Märchenprinzen Jasper kennenlernt. Taucht ein in eine pudrige Zuckerwattewelt voller Geheimnisse und Mythen und schaut dabei zu, wie Alice für ihre Liebe und um ihren Prinzen kämpft, bis sie einander endlich in die Arme schließen dürfen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann glitzern sie noch heute…
Die Bar war vollkommen überfüllt. Es roch nach Rauch, nach Schweiß und nach den schwülstigen Überresten von billigem Parfum. Jasper schob sich, entgegen seiner sonstigen Art, rücksichtslos durch die Menge und hielt Ausschau nach Edward. Egal, wo er hinsah, egal in welche Richtung er sich auch hinbewegte, überall stand jemand im Weg oder blockierte seine Sicht. Er fühlte einen leisen Anflug von Wut in sich aufsteigen. Er hasste solche Menschenansammlungen sowieso wie die Pest. Sie schubsten und drückten, ohne sich darum zu scheren, ob sie versehentlich einem Anderen auf den Fuß traten, oder ihm die Ellenbogen in die Weichteile rammten. Morgen früh würde er bestimmt unzählige blaue Flecken an sich vorfinden und er ärgerte sich jetzt schon darüber, dass er einem Treffen in dieser dicht gedrängten Bar zugestimmt hatte. Jasper drängte weiter vorwärts und verfluchte seinen besten Freund, weil der nicht in der Lage war, ruhigere Orte als diesen hier, für ihre gelegentlich stattfindenden Zusammenkünfte auszusuchen.
Beim nächsten Mal wäre es sicher klüger von vornherein abzulehnen, sollte Edward wieder in so einen hippen Schuppen wollen, doch Jasper wusste genau, dass er genau das nicht tun würde. Sein Kumpel würde ihn wieder weichklopfen und Jasper würde seufzend zustimmen und sich ein weiteres Mal todesmutig in die Menge stürzen. Danach würden sie eine Weile zusammensitzen, sich ein wenig unterhalten und in alten Erinnerungen schwelgen, bis irgendeine heiße Blondine Edwards Interesse weckte und er zu abgelenkt war, um sich weiter die Probleme und Sorgen eines frustrierten New Yorker Sozialarbeiters anzuhören. Jasper seufzte gequält, aber schon in der nächsten Sekunde schlich sich ein nachsichtiges Lächeln auf sein attraktives Gesicht. So war Edward eben. Ein Lebemensch, der sich amüsierte, wann immer es ihm möglich war und sich keinen Deut um die ernsten Dinge des Lebens scherte. Für ihn war alles nur ein Spiel und sein Verantwortungsbewusstsein passte problemlos in den Kopf einer Stecknadel. Jasper hingegen, hätte mit seiner Gewissenhaftigkeit mühelos einen ganzen LKW füllen können und doch liebte er seinen besten Freund wie einen Bruder, auch wenn sie unterschiedlicher waren als Tag und Nacht.
Edward und er – das war eine ganz komische Sache. Als Kinder waren sie die dicksten Freunde gewesen. Zwei Nachbarjungs, die laufend irgendwelchen Blödsinn angestellt und die Erwachsenen damit fast in den Wahnsinn getrieben hatten. Je älter sie allerdings wurden, umso kleiner wurden die Gemeinsamkeiten. Sie schrumpften auf ein Minimum zusammen und doch reichte dieses Bisschen aus, um die Freundschaft bis heute am Leben zu erhalten. Vielleicht auch nur, weil sie beide aus dem beschaulichen Forks in eine Metropole wie New York gezogen waren. Edward war für Jasper ein Stück Heimat in der Fremde, denn obwohl er New York vergötterte, diesen nie versiegenden Atem der verschiedenen Kulturen, diesen Lärm und dieses Pulsieren, das bis in die Fingerspitzen hinein kitzeln konnte, fühlte er sich einsam, sobald er die Tür seines Apartments hinter sich zuwarf. Die Stille, die ihn dort Abend für Abend erwartete, war manchmal schon beängstigend. Sie vermittelte ihm das Gefühl, vollkommen allein auf der Welt zu sein. Ihm fehlten die tiefen Atemzüge eines anderen menschlichen Wesens, jemand der ihn aufbaute, wenn der Tag wieder mal beschissen gelaufen war. Er war gern allein, aber manchmal wurde selbst ihm die Ruhe in seinen eigenen vier Wänden zu viel. Um der Einsamkeit zu entkommen, ließ er sich von Edwards sprühender Lebendigkeit und Lebensfreude anstecken und fühlte sich zeitenweise nicht mehr ganz so leer.
Jasper war wie ein Stück Treibgut, das an den Strand gespült und mit der nächsten Welle wieder hinaus ins Meer getrieben wurde, ohne zu wissen, wo er hingehörte. Das machte ihn oft traurig und er vermisste seine Familie in Forks. Vor allem seine Schwester Rosalie und ihren Mann Emmett, die mit ihrer glücklichen Ehe so etwas wie sein Vorbild waren. Er hoffte eines Tages das gleiche Glück zu finden, wie die beiden, doch wenn er sich die leichtbekleideten Frauen hier drin so anschaute, würde das wohl noch eine ganze Weile dauern. Das ernüchterte ihn zusätzlich und er zog finster die Augenbrauen zusammen, als ihn eine dieser Schönheiten lasziv anlächelte. Gerade heute hätte er eher eine Aufmunterung gebrauchen können und keinen heißen Flirt.
Jaspers Stimmung war grauenhaft, so übel wie schon lange nicht mehr. Er hatte einen furchtbaren Tag hinter sich gebracht und wollte nur noch vergessen, dass er nicht jedem helfen konnte, der Hilfe nötig hatte. Wieder war einer der Obdachlosen dem bitterkalten Winter in New York zum Opfer gefallen und lag jetzt, aufgeschnitten und wieder zugenäht nach der üblichen Obduktion, im Kühlfach einer Leichenhalle. Den richtigen Namen dieses armen Burschen kannte keiner, nicht mal die Jungs auf der Straße, mit denen er die letzten Monate verbracht hatte. Für die Akten des städtischen Krankenhauses war er einfach nur ein weiterer John Doe, den man nach Ablauf einer bestimmten Frist, in einem staatlich finanzierten Grab verscharren würde. Dieser fiktive Name stand auch auf dem kleinen Plastikschildchen, das man an seinem großen Zeh befestigt hatte, gemeinsam mit einer Nummer, die sorgfältig in das Schild hinein gestanzt worden war, um ihn zu katalogisieren, als wäre er nichts weiter als ein Beweisstück in einer Asservatenkammer. In New York gab es eine Menge an John und Jane Doe´s, nach denen keiner mehr fragte. Alle zusammengenommen bildeten sie eine Armee von Namenlosen, die in keinem Krieg, sondern einfach nur dem Leben zum Opfer gefallen waren.
Jasper war so in seinen trüben Gedanken versunken, dass er versehentlich einen fast zwei Meter großen Kerl rammte. Der richtete seinen aggressiven Blick auf Jasper und dessen automatisch formulierte Entschuldigung – mehr ein Reflex, denn echte Reue, in Anbetracht der Größe dieses Typen – besänftigte den Riesen wieder. Glück gehabt, hätte der beschlossen ihn ein wenig in die Mangel zu nehmen, wäre von ihm nicht mehr viel übrig geblieben. Er schenkte ihm ein nichtssagendes Lächeln, das seine Erleichterung verbarg, und machte, dass er wegkam, denn er hatte mittlerweile zwischen all den Köpfen und Schultern, die in unterschiedlichen Höhen vor ihm aufragten, den bronzenen Haarschopf Edwards entdeckt, der mit dem Rücken zu ihm auf einem Hocker saß.
Er war froh, als er endlich die langgezogene Theke erreichte, die mit ihren knapp acht Metern Länge, Platz für unzählige New Yorker bot, die sich hier ihr Feierabendbier gönnten, oder einfach nach netter Gesellschaft für den Abend suchten. Links von Edward war noch ein Barhocker frei und Jasper schob sich neben ihn, während sein Freund ihn noch nicht mal bemerkte, sondern sich mit einer ziemlich hübschen Frau unterhielt. Jasper grinste ein wenig und fragte sich gleichzeitig, wie der Kerl das immer machte. Er war ja nicht der einzige gutaussehende Junggeselle in New York, aber Ed war wirklich einer von denen, die stets mit einer schönen Frau am Arm nach Hause gingen.
Auf einmal fegte ein Schwall kalter Luft durch das Innere und lockerte die schwülstige Hitze, die hier drinnen herrschte, ein wenig auf. Die blonden Härchen unter seinem Hemd stellten sich fröstelnd auf. Ein ganzer Pulk von Menschen trat auf einen Schlag ein und die glitzernden Reflektionen von schmelzendem Schnee schimmerten noch leicht auf ihren Haaren. Es schneite also immer noch draußen. Jasper musste sofort an die unzähligen Menschen denken, die es nicht so gut hatten wie er. Viele suchten Schutz in irgendwelchen leerstehenden Lagerhallen oder zwängten sich in diversen heruntergekommenen Hauseingängen unter ihre Pappkartons, um nicht zu erfrieren. So wie der arme Kerl von heute. Genutzt hatte ihm diese Zuflucht nichts, er war trotzdem gestorben.
Er schüttelte diese deprimierenden Gedanken ab, auch wenn es ihm schwerfiel sich von den Bildern in seinem Kopf zu lösen. Jasper empfand den Tod dieses Mannes als persönliche Niederlage und so tauchte das Gesicht des Burschen, bleich und schon ganz blau auf dem Obduktionstisch, laufend vor seinem inneren Auge auf. Wütend über seine Unfähigkeit abzuschalten, tippte er Edward an die Schulter und der wendete mit einem unwirschen Laut seinen Kopf zu ihm um. Der Fluch, der ihm schon auf den Lippen gelegen hatte, erstarb, als er seinen besten Freund erkannte und Edward verzog den Mund zu seinem typisch einnehmenden schiefen Grinsen.
„Jazz, da bist du ja! Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt und rettest wieder irgendwelche armen Seelen vor der bösen, bösen Welt.“
Jaspers Lächeln verschwand blitzartig. Wenn er eines auf den Tod nicht abkonnte, dann waren es Witze über seinen Job und die Leute, mit denen er tagtäglich zu tun hatte.
„Hör auf so dämliche Witze zu reißen, Edward! Sonst siehst du mich in Zukunft nur noch von hinten.“
Edward, der meist zu spät merkte, wann er übers Ziel hinausschoss, verdrehte ein wenig angepisst die Augen.
„Oh Mann, jetzt reg dich nicht künstlich auf! Das war doch nicht so gemeint.“
Jasper, der schon drauf und dran gewesen war, sich einfach umzudrehen und zu gehen, verpasste seinem Kumpel einen ordentlichen Fausthieb zwischen die Rippen. Edward ächzte und der Schmerz nahm ihm für einen kurzen Augenblick den Atem.
„Fuck, Jazz. Kein Grund gewalttätig zu werden.“
Er ignorierte Edwards Gejammer und musterte stattdessen interessiert die bislang stumme Rotblonde neben ihm. Höflich streckte er die Hand zur Begrüßung aus und lächelte charmant.
„Hi, ich bin Jasper Hale“, stellte er sich vor. „Ein Freund von Edward.“
„Tanya“, stellte sie sich knapp vor und musterte seinen Aufzug. Offenbar waren seine abgewetzte Jeans und sein dickes Baumwollhemd nicht nach ihrem Geschmack. Ihre eisblauen Augen bekamen einen frostigen Schimmer und sie blickte gelangweilt zur Seite. Jasper fragte sich, warum Ed immer auf solche Eisköniginnen abfuhr, wenn doch so viele nette Mädchen herumliefen. Zum Beispiel seine unglaublich liebenswerte Nachbarin Bella, die ihm laufend mit irgendwelchen Lebensmitteln aushelfen musste, wenn Edward mal wieder zu faul zum Einkaufen gewesen war.
„Soll ich dich mit der Diva allein lassen?“, flüsterte er seinem Freund zu.
Edward zögerte nicht eine Sekunde.
„Wärst du sauer?“
Jasper schüttelte den Kopf, obwohl er schon enttäuscht war.
„Kein Problem, wir können uns ja ein anderes Mal treffen. Ich wollte ohnehin früh schlafen gehen, damit ich morgen wieder fit bin.“
Edward verengte die Augen.
„Hattest du am Telefon nicht erwähnt, du hättest morgen frei?“
Jasper zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Kleine Planänderung, hab ohnehin nichts Besseres vor.“
„Scheiße, Jazz. Kannst du nicht mal abschalten und dich einfach amüsieren? Es ist ja cool, dass du helfen willst und all so was, aber du bist noch jung, Alter. Such dir ne hübsche Braut, vögel sie ordentlich durch und hör mal für fünf Minuten auf, die Last der Welt auf deinen Schultern rumzutragen. Du wirst sehen, wie gut sich das anfühlt, wenn du mal ein bisschen den Egoisten raushängen lässt.“
„Danke für den Tipp“, meinte Jasper spöttisch und tippte sich salutierend an die Schläfe. „Ich werd bei Gelegenheit daran denken.“
„Das heißt wohl soviel, wie „Leck mich und behalt deine Weisheiten für dich. Mann, Alter! Manchmal hab ich das Gefühl du gehörst nicht in diese Welt, auf jeden Fall bist du zu gut für sie.“ Edward grinste breit übers ganze Gesicht und Jasper musste gegen seinen Willen lachen.
„Wenn du es sagst, wird es wohl stimmen.“ Er stand auf und schlug seinem Kumpel freundschaftlich auf die Schulter. „Ich geh dann mal…..“, er machte eine kurze Pause und in seinen blauen Augen, glomm ein spitzbübischer Funken auf, den Edward schon lange nicht mehr an ihm wahrgenommen hatte. „Übrigens, was die fünf Minuten angeht….wenn das alles ist, was du einer Frau zu bieten hast, sollte ich mich vielleicht wirklich wieder um die Frauenwelt kümmern.“
„Hau bloß ab, bevor ich dir eine Bierdusche verpasse“, lachte Edward und hob zum Abschied die Hand. Jazz machte eine lässige Kopfbewegung und verließ erleichtert diesen verqualmten, stinkenden Schuppen…..
einst ergab es sich, dass die Wörterhexe Vivian den Geschichtenhimmel um eine neue Erzählung anflehte. Der Buchstabengott grübelte lange, ob er ihr wirklich noch eine weitere Geschichte zumuten sollte und nachdem sie ihm versprochen hatte, dass sie es langsam und gemächlich angehen würde, ließ er neue Buchstaben auf die Erde rieseln und pflanzte sie in ihren Kopf. Sie freute sich sehr darüber und machte sich eifrig ans Werk. Sie arbeitete viele, viele Stunden lang und setzte die Buchstaben zu einer zauberhaft kleinen Geschichte zusammen. Über das Ergebnis war sie so glücklich, dass sie beschloss, ihre Freude darüber, mit den vielen emsigen Geschichtensammlern zu teilen, die sie schon so lange auf ihrem Weg begleiteten.
Lasst Euch nun in eine Welt voller Magie und zauberhafter Romantik entführen. Begleitet unsere süße Fee Alice auf die Erde, wo sie ihren Märchenprinzen Jasper kennenlernt. Taucht ein in eine pudrige Zuckerwattewelt voller Geheimnisse und Mythen und schaut dabei zu, wie Alice für ihre Liebe und um ihren Prinzen kämpft, bis sie einander endlich in die Arme schließen dürfen. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann glitzern sie noch heute…
Die Bar war vollkommen überfüllt. Es roch nach Rauch, nach Schweiß und nach den schwülstigen Überresten von billigem Parfum. Jasper schob sich, entgegen seiner sonstigen Art, rücksichtslos durch die Menge und hielt Ausschau nach Edward. Egal, wo er hinsah, egal in welche Richtung er sich auch hinbewegte, überall stand jemand im Weg oder blockierte seine Sicht. Er fühlte einen leisen Anflug von Wut in sich aufsteigen. Er hasste solche Menschenansammlungen sowieso wie die Pest. Sie schubsten und drückten, ohne sich darum zu scheren, ob sie versehentlich einem Anderen auf den Fuß traten, oder ihm die Ellenbogen in die Weichteile rammten. Morgen früh würde er bestimmt unzählige blaue Flecken an sich vorfinden und er ärgerte sich jetzt schon darüber, dass er einem Treffen in dieser dicht gedrängten Bar zugestimmt hatte. Jasper drängte weiter vorwärts und verfluchte seinen besten Freund, weil der nicht in der Lage war, ruhigere Orte als diesen hier, für ihre gelegentlich stattfindenden Zusammenkünfte auszusuchen.
Beim nächsten Mal wäre es sicher klüger von vornherein abzulehnen, sollte Edward wieder in so einen hippen Schuppen wollen, doch Jasper wusste genau, dass er genau das nicht tun würde. Sein Kumpel würde ihn wieder weichklopfen und Jasper würde seufzend zustimmen und sich ein weiteres Mal todesmutig in die Menge stürzen. Danach würden sie eine Weile zusammensitzen, sich ein wenig unterhalten und in alten Erinnerungen schwelgen, bis irgendeine heiße Blondine Edwards Interesse weckte und er zu abgelenkt war, um sich weiter die Probleme und Sorgen eines frustrierten New Yorker Sozialarbeiters anzuhören. Jasper seufzte gequält, aber schon in der nächsten Sekunde schlich sich ein nachsichtiges Lächeln auf sein attraktives Gesicht. So war Edward eben. Ein Lebemensch, der sich amüsierte, wann immer es ihm möglich war und sich keinen Deut um die ernsten Dinge des Lebens scherte. Für ihn war alles nur ein Spiel und sein Verantwortungsbewusstsein passte problemlos in den Kopf einer Stecknadel. Jasper hingegen, hätte mit seiner Gewissenhaftigkeit mühelos einen ganzen LKW füllen können und doch liebte er seinen besten Freund wie einen Bruder, auch wenn sie unterschiedlicher waren als Tag und Nacht.
Edward und er – das war eine ganz komische Sache. Als Kinder waren sie die dicksten Freunde gewesen. Zwei Nachbarjungs, die laufend irgendwelchen Blödsinn angestellt und die Erwachsenen damit fast in den Wahnsinn getrieben hatten. Je älter sie allerdings wurden, umso kleiner wurden die Gemeinsamkeiten. Sie schrumpften auf ein Minimum zusammen und doch reichte dieses Bisschen aus, um die Freundschaft bis heute am Leben zu erhalten. Vielleicht auch nur, weil sie beide aus dem beschaulichen Forks in eine Metropole wie New York gezogen waren. Edward war für Jasper ein Stück Heimat in der Fremde, denn obwohl er New York vergötterte, diesen nie versiegenden Atem der verschiedenen Kulturen, diesen Lärm und dieses Pulsieren, das bis in die Fingerspitzen hinein kitzeln konnte, fühlte er sich einsam, sobald er die Tür seines Apartments hinter sich zuwarf. Die Stille, die ihn dort Abend für Abend erwartete, war manchmal schon beängstigend. Sie vermittelte ihm das Gefühl, vollkommen allein auf der Welt zu sein. Ihm fehlten die tiefen Atemzüge eines anderen menschlichen Wesens, jemand der ihn aufbaute, wenn der Tag wieder mal beschissen gelaufen war. Er war gern allein, aber manchmal wurde selbst ihm die Ruhe in seinen eigenen vier Wänden zu viel. Um der Einsamkeit zu entkommen, ließ er sich von Edwards sprühender Lebendigkeit und Lebensfreude anstecken und fühlte sich zeitenweise nicht mehr ganz so leer.
Jasper war wie ein Stück Treibgut, das an den Strand gespült und mit der nächsten Welle wieder hinaus ins Meer getrieben wurde, ohne zu wissen, wo er hingehörte. Das machte ihn oft traurig und er vermisste seine Familie in Forks. Vor allem seine Schwester Rosalie und ihren Mann Emmett, die mit ihrer glücklichen Ehe so etwas wie sein Vorbild waren. Er hoffte eines Tages das gleiche Glück zu finden, wie die beiden, doch wenn er sich die leichtbekleideten Frauen hier drin so anschaute, würde das wohl noch eine ganze Weile dauern. Das ernüchterte ihn zusätzlich und er zog finster die Augenbrauen zusammen, als ihn eine dieser Schönheiten lasziv anlächelte. Gerade heute hätte er eher eine Aufmunterung gebrauchen können und keinen heißen Flirt.
Jaspers Stimmung war grauenhaft, so übel wie schon lange nicht mehr. Er hatte einen furchtbaren Tag hinter sich gebracht und wollte nur noch vergessen, dass er nicht jedem helfen konnte, der Hilfe nötig hatte. Wieder war einer der Obdachlosen dem bitterkalten Winter in New York zum Opfer gefallen und lag jetzt, aufgeschnitten und wieder zugenäht nach der üblichen Obduktion, im Kühlfach einer Leichenhalle. Den richtigen Namen dieses armen Burschen kannte keiner, nicht mal die Jungs auf der Straße, mit denen er die letzten Monate verbracht hatte. Für die Akten des städtischen Krankenhauses war er einfach nur ein weiterer John Doe, den man nach Ablauf einer bestimmten Frist, in einem staatlich finanzierten Grab verscharren würde. Dieser fiktive Name stand auch auf dem kleinen Plastikschildchen, das man an seinem großen Zeh befestigt hatte, gemeinsam mit einer Nummer, die sorgfältig in das Schild hinein gestanzt worden war, um ihn zu katalogisieren, als wäre er nichts weiter als ein Beweisstück in einer Asservatenkammer. In New York gab es eine Menge an John und Jane Doe´s, nach denen keiner mehr fragte. Alle zusammengenommen bildeten sie eine Armee von Namenlosen, die in keinem Krieg, sondern einfach nur dem Leben zum Opfer gefallen waren.
Jasper war so in seinen trüben Gedanken versunken, dass er versehentlich einen fast zwei Meter großen Kerl rammte. Der richtete seinen aggressiven Blick auf Jasper und dessen automatisch formulierte Entschuldigung – mehr ein Reflex, denn echte Reue, in Anbetracht der Größe dieses Typen – besänftigte den Riesen wieder. Glück gehabt, hätte der beschlossen ihn ein wenig in die Mangel zu nehmen, wäre von ihm nicht mehr viel übrig geblieben. Er schenkte ihm ein nichtssagendes Lächeln, das seine Erleichterung verbarg, und machte, dass er wegkam, denn er hatte mittlerweile zwischen all den Köpfen und Schultern, die in unterschiedlichen Höhen vor ihm aufragten, den bronzenen Haarschopf Edwards entdeckt, der mit dem Rücken zu ihm auf einem Hocker saß.
Er war froh, als er endlich die langgezogene Theke erreichte, die mit ihren knapp acht Metern Länge, Platz für unzählige New Yorker bot, die sich hier ihr Feierabendbier gönnten, oder einfach nach netter Gesellschaft für den Abend suchten. Links von Edward war noch ein Barhocker frei und Jasper schob sich neben ihn, während sein Freund ihn noch nicht mal bemerkte, sondern sich mit einer ziemlich hübschen Frau unterhielt. Jasper grinste ein wenig und fragte sich gleichzeitig, wie der Kerl das immer machte. Er war ja nicht der einzige gutaussehende Junggeselle in New York, aber Ed war wirklich einer von denen, die stets mit einer schönen Frau am Arm nach Hause gingen.
Auf einmal fegte ein Schwall kalter Luft durch das Innere und lockerte die schwülstige Hitze, die hier drinnen herrschte, ein wenig auf. Die blonden Härchen unter seinem Hemd stellten sich fröstelnd auf. Ein ganzer Pulk von Menschen trat auf einen Schlag ein und die glitzernden Reflektionen von schmelzendem Schnee schimmerten noch leicht auf ihren Haaren. Es schneite also immer noch draußen. Jasper musste sofort an die unzähligen Menschen denken, die es nicht so gut hatten wie er. Viele suchten Schutz in irgendwelchen leerstehenden Lagerhallen oder zwängten sich in diversen heruntergekommenen Hauseingängen unter ihre Pappkartons, um nicht zu erfrieren. So wie der arme Kerl von heute. Genutzt hatte ihm diese Zuflucht nichts, er war trotzdem gestorben.
Er schüttelte diese deprimierenden Gedanken ab, auch wenn es ihm schwerfiel sich von den Bildern in seinem Kopf zu lösen. Jasper empfand den Tod dieses Mannes als persönliche Niederlage und so tauchte das Gesicht des Burschen, bleich und schon ganz blau auf dem Obduktionstisch, laufend vor seinem inneren Auge auf. Wütend über seine Unfähigkeit abzuschalten, tippte er Edward an die Schulter und der wendete mit einem unwirschen Laut seinen Kopf zu ihm um. Der Fluch, der ihm schon auf den Lippen gelegen hatte, erstarb, als er seinen besten Freund erkannte und Edward verzog den Mund zu seinem typisch einnehmenden schiefen Grinsen.
„Jazz, da bist du ja! Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt und rettest wieder irgendwelche armen Seelen vor der bösen, bösen Welt.“
Jaspers Lächeln verschwand blitzartig. Wenn er eines auf den Tod nicht abkonnte, dann waren es Witze über seinen Job und die Leute, mit denen er tagtäglich zu tun hatte.
„Hör auf so dämliche Witze zu reißen, Edward! Sonst siehst du mich in Zukunft nur noch von hinten.“
Edward, der meist zu spät merkte, wann er übers Ziel hinausschoss, verdrehte ein wenig angepisst die Augen.
„Oh Mann, jetzt reg dich nicht künstlich auf! Das war doch nicht so gemeint.“
Jasper, der schon drauf und dran gewesen war, sich einfach umzudrehen und zu gehen, verpasste seinem Kumpel einen ordentlichen Fausthieb zwischen die Rippen. Edward ächzte und der Schmerz nahm ihm für einen kurzen Augenblick den Atem.
„Fuck, Jazz. Kein Grund gewalttätig zu werden.“
Er ignorierte Edwards Gejammer und musterte stattdessen interessiert die bislang stumme Rotblonde neben ihm. Höflich streckte er die Hand zur Begrüßung aus und lächelte charmant.
„Hi, ich bin Jasper Hale“, stellte er sich vor. „Ein Freund von Edward.“
„Tanya“, stellte sie sich knapp vor und musterte seinen Aufzug. Offenbar waren seine abgewetzte Jeans und sein dickes Baumwollhemd nicht nach ihrem Geschmack. Ihre eisblauen Augen bekamen einen frostigen Schimmer und sie blickte gelangweilt zur Seite. Jasper fragte sich, warum Ed immer auf solche Eisköniginnen abfuhr, wenn doch so viele nette Mädchen herumliefen. Zum Beispiel seine unglaublich liebenswerte Nachbarin Bella, die ihm laufend mit irgendwelchen Lebensmitteln aushelfen musste, wenn Edward mal wieder zu faul zum Einkaufen gewesen war.
„Soll ich dich mit der Diva allein lassen?“, flüsterte er seinem Freund zu.
Edward zögerte nicht eine Sekunde.
„Wärst du sauer?“
Jasper schüttelte den Kopf, obwohl er schon enttäuscht war.
„Kein Problem, wir können uns ja ein anderes Mal treffen. Ich wollte ohnehin früh schlafen gehen, damit ich morgen wieder fit bin.“
Edward verengte die Augen.
„Hattest du am Telefon nicht erwähnt, du hättest morgen frei?“
Jasper zuckte gleichgültig mit den Schultern.
„Kleine Planänderung, hab ohnehin nichts Besseres vor.“
„Scheiße, Jazz. Kannst du nicht mal abschalten und dich einfach amüsieren? Es ist ja cool, dass du helfen willst und all so was, aber du bist noch jung, Alter. Such dir ne hübsche Braut, vögel sie ordentlich durch und hör mal für fünf Minuten auf, die Last der Welt auf deinen Schultern rumzutragen. Du wirst sehen, wie gut sich das anfühlt, wenn du mal ein bisschen den Egoisten raushängen lässt.“
„Danke für den Tipp“, meinte Jasper spöttisch und tippte sich salutierend an die Schläfe. „Ich werd bei Gelegenheit daran denken.“
„Das heißt wohl soviel, wie „Leck mich und behalt deine Weisheiten für dich. Mann, Alter! Manchmal hab ich das Gefühl du gehörst nicht in diese Welt, auf jeden Fall bist du zu gut für sie.“ Edward grinste breit übers ganze Gesicht und Jasper musste gegen seinen Willen lachen.
„Wenn du es sagst, wird es wohl stimmen.“ Er stand auf und schlug seinem Kumpel freundschaftlich auf die Schulter. „Ich geh dann mal…..“, er machte eine kurze Pause und in seinen blauen Augen, glomm ein spitzbübischer Funken auf, den Edward schon lange nicht mehr an ihm wahrgenommen hatte. „Übrigens, was die fünf Minuten angeht….wenn das alles ist, was du einer Frau zu bieten hast, sollte ich mich vielleicht wirklich wieder um die Frauenwelt kümmern.“
„Hau bloß ab, bevor ich dir eine Bierdusche verpasse“, lachte Edward und hob zum Abschied die Hand. Jazz machte eine lässige Kopfbewegung und verließ erleichtert diesen verqualmten, stinkenden Schuppen…..
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Draußen war es so entsetzlich kalt, dass Jasper die Schultern während dem Laufen nach oben zog, die Hände tief in die Taschen seiner dicken Daunenjacke schob und sein sowieso schon forsches Tempo noch mal steigerte. Auf diese Weise versuchte er sich einigermaßen warm zu halten, während er durch die nächtlichen Straßen von New York lief. Die Temperaturen hatten den Nullpunkt schon längst um mehrere Grade unterschritten und sein Atem gefror, sobald er seinen Mund verließ. Die stechend eisige Luft brannte auf seiner Gesichtshaut wie Feuer, es fühlte sich fast so an, als würden ihn unzählige kleine Nadeln traktieren und aus seinen Augen begannen Tränen zu laufen, die sich auf seiner geröteten Haut zu weißen Linien verfestigten. Keiner, der auch nur halbwegs bei Verstand war, würde sich heute länger als nötig auf der Straße aufhalten. Zu der Kälte kam jetzt auch noch ein ekelhafter Wind hinzu, der seine Sicht beeinträchtigte, als er sich nach einer U- Bahn Station umschaute.
Da Edward bei seinen Feierabendaktivitäten eine exklusive Umgebung schätzte, stapfte Jasper gerade durch den winterkalten Diamond District in Midtown Manhattan und befand sich 45 West, auf der 44. Straße. Die lange Gerade lag direkt zwischen der Fifth und der Sixth Avenue, nur zwei Kreuzungen vom Broadway entfernt.
Er war also nicht mehr allzu weit von der Fifth Avenue entfernt und beschloss von dort aus die nächste U-Bahn in sein Viertel zu nehmen, als er plötzlich ein ganz eigentümliches Gefühl im Bauch verspürte. Jasper hielt abrupt mitten im Schritt inne, es war ein richtiggehender Zwang, den er nicht kontrollieren konnte. Er sah nach oben und erblickte die mondäne Fassade des New York Sofitel Hotels, eine exklusive Adresse, die gerne von finanziell gutbetuchten Europäern genutzt wurde. Kopfschüttelnd senkte er den Kopf wieder, wandte sich ab um weiterzugehen, doch irgendwas in seinem Inneren nötigte ihn erneut dazu, stehenzubleiben. Wieder blickte er auf das Hotel und ohne noch lange zu überlegen, bewegte er sich auf den überdachten Eingang zu. Auf der Platte darüber prangten links und rechts zwei Flaggen, einmal die amerikanische und auf der anderen Seite die französische. Sie kämpften beide mit dem launischen Wind und flatterten wild hin und her. Darüber ragte eine riesige Fensterfront nach oben hin weg und gab den Blick auf das beleuchtete Innere frei.
Das Gebäude im Art Deco Design besaß heute eine geradezu magische Anziehungskraft auf ihn, die er sich nicht logisch erklären konnte, denn seit er in New York lebte, war er bestimmt schon ein Dutzend Mal daran vorbeigelaufen, ohne sonderliches Interesse daran zu zeigen. Plötzlich fand er sich mitten in der Hotelhalle wieder, erblickte ein paar Pagen, die eilig hin und her huschten, den Empfangschef hinter einem langgezogenen elegant geschwungenen Tresen und ein paar vereinzelte Gäste, die sich ihre reichen Hintern in den modernen Sesseln platt saßen. Verwirrt über sein Verhalten machte er ein paar Schritte tiefer hinein und orientierte sich auf die hinteren Bereiche zu, die eigentlich nur dem Personal vorbehalten waren.
Er erntete einen komischen Blick von einem älteren Herrn, weil er mit seinem ziemlich legeren Daunenparka und den Jeans optisch im Vergleich zu ihm aus dem Rahmen fiel. Jasper war eher zweckmäßig, als modisch gekleidet. Er lächelte den Mann schwach an und der verlor schnell das Interesse, drehte gleichmütig den Kopf weg und widmete sich wieder der Zeitung, die ausgebreitet auf seinen Knien lag. Jasper gelangte unbehelligt zu einer Tür, die direkt hinein in ein dunkles Treppenhaus führte. Vorsichtig sah er sich um, ehe er sie öffnete und vollständig eintrat, doch niemand schenkte ihm die geringste Beachtung.
Kurz fragte er sich, was er hier eigentlich machte, doch in der nächsten Sekunde drückte er die Tür komplett auf, huschte unauffällig hinein und schloss sie gleich wieder. Im Dunkeln tastete er mit der flachen Hand die Wand entlang und suchte nach dem Lichtschalter. Er fand ihn recht schnell und schlug leicht darauf. Die Röhren zuckten kurz, ehe sie aufflammten und alles in neongelbes Licht tauchten. Es war so grell, dass er sich schon beinahe geblendet fühlte. Ohne sein Ziel zu kennen, stieg er die ersten Stufen die breite Treppe hinunter, bis er sich ein Stockwerk tiefer unter dem Hotelkomplex befand. Auch da gab es eine Tür auf der linken Seite, durch die er hindurchtrat und dieses Mal musste er nach keinem Lichtschalter suchen. Der trostlose lange Flur war mit einer Notbeleuchtung ausgestattet, die ein so eklig grünliches Licht ausstrahlte, dass die Haut einen kränklichen Gelbstich bekam. Er atmete hektisch und trat auf den bräunlichen, zerschlissenen Teppich.
Nervös drehte er den Kopf nach hinten und vergewisserte sich, dass niemand ihm folgte. Oh Mann, wenn man ihn erwischte, würde man ihn wegen Hausfriedensbruch verklagen. Sein Boss der von Jaspers hin und wieder unkonventionellen Arbeitsmethoden alles andere als begeistert war, würde Luftsprünge machen und ihn zweifellos auf unbestimmte Zeit suspendieren. Trotz der Schwierigkeiten die er sich einhandeln könnte, ging er weiter. So wie es aussah, waren hier die Putzräume und Wäschekammern untergebracht. Es roch nach Desinfektionsmitteln und nach Weichspüler, nicht unangenehm, aber stechend genug, um ihn die Nase rümpfen zu lassen. Er bewegte sich weiter vorwärts, öffnete jede einzelne Tür, die allesamt nicht verschlossen waren und auch nichts beherbergten, das Diebe angelockt hätte. Jasper wurde immer ungeduldiger, je näher er dem Ende des Flurs kam. Hier MUSSTE etwas sein, aber nachdem er die vorletzte Tür geöffnet und wieder nichts entdeckt hatte, was sein lächerliches Verhalten rechtfertigte, gab er auf. Frustriert, müde und ziemlich deprimiert legte er die Stirn an der letzten Tür ab und schnaufte erst mal kräftig durch.
„Du bist komplett bescheuert, Jasper Hale“, flüsterte er sich selbst zu und kniff die Augen so fest zu, dass es weh tat. Seine Faust knallte wie von allein gegen das Holz und er schlug drei Mal heftig dagegen, um seinen Frust irgendwie daran abzuladen. Das tat überraschend gut und er wollte schon ein weiteres Mal die arme unschuldige Tür traktieren, als er ein leises, kaum wahrnehmbares Wimmern hörte. Erschrocken machte er zwei Schritte zurück und blieb stehen. Hatte er sich das nur eingebildet? Aber nein, da war es wieder und obwohl er wirklich die Hosen voll hatte vor lauter Schiss, ging er wie von einem unsichtbaren Magneten angezogen auf diese Tür zu und legte sein Ohr darauf. Diesmal konnte er nichts mehr hören, außer totaler Stille.
„Hallo….ist da drin jemand?“
Er klang wie ein Angsthase und Jasper räusperte sich kräftig, ehe er mit etwas männlicherer Tonlage erneut fragte:
„Hallo, ist da jemand? Brauchen Sie vielleicht Hilfe?“
Wieder keine Antwort und kein Laut. Er hatte jetzt genau zwei Möglichkeiten. Er konnte sich jetzt umdrehen und so schnell wie möglich nach Hause laufen, oder er benahm sich wie ein Mann und schaute nach, wer oder was sich hinter dieser Tür verbarg. Gleich darauf hörte er erneut ein leises Geräusch dahinter. Es klang, als würde Jemand oder Etwas eilig nach hinten kriechen. Entschlossen riss Jasper einfach die Tür auf, ehe ihn der Mut verließ.
„Okay, wer immer da drin ist, Sie sollten jetzt da rauskommen!“, meinte er mit fester Stimme. Stille.
„Hallo…ich weiß, dass jemand da drin ist. Kommen Sie raus, ich tu Ihnen nichts.“
Wieder rührte sich nichts, aber Jasper konnte deutlich ein paar hastige abgehackte Atemzüge hören.
„Ich werde jetzt bis drei zählen und dann das Licht anmachen“, erklärte er ruhig. Obwohl sich seine Augen ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten und er deutlich die Umrisse von Regalen, Eimern und Putzmitteln erkennen konnte, lag der hintere Teil noch in völliger Dunkelheit. Plötzlich sah er einen hellen Fleck und Jasper blinzelte. Das war ja ein Fuß. Er war nackt und so verdammt klein, dass er der festen Überzeugung war, er gehöre zu einem Kind. Sofort wurde seine Stimme weicher.
„Hey, hab keine Angst. Ich will dir doch nur helfen. Komm doch ein wenig ins Licht, damit ich dich sehen kann.“
Jasper hörte ein leises Rascheln und der Fuß erweiterte sich zu einem wohlgeformten Unterschenkel. Ein zweiter kam hinzu und wenige Augenblicke später starrten in die wohl grünsten Augen an, die er jemals gesehen hatte. Der Körper selbst blieb im Halbdunkel verborgen.
„Verdammt, du bist ja ein Mädchen!“, entfuhr es Jasper perplex und sie nickte zitternd. Ihre Lippen bebten, als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen und sobald er den Blick auf diese rosigen Polster richtete, wurde ihm klar, das hier war kein Mädchen mehr, sondern eine Frau. Zwar unglaublich zierlich, aber dabei so unglaublich hübsch, dass er sich zusammen nehmen musste, um sie nicht wie ein sabbernder Vollidiot anzustarren.
„Hi…“, flüsterte er leise, doch sie blieb weiterhin stumm sitzen und sah misstrauisch zu ihm hoch.
„Mein Name ist Jasper.“
Als hätte sein Name eine Bedeutung für sie, fing sie auf einmal an zu lächeln. Zaghaft und fast schon ein wenig schüchtern. Er fühlte sich ermutigt und sank ganz langsam auf ein Knie, um sie aus der Nähe betrachten zu können.
„Willst du mir vielleicht deinen Namen verraten?“
Ein rigoroses Kopfschütteln und er legte den Kopf schräg.
„Hm, dann weiß ich ja gar nicht, wie ich dich nennen soll. Nur Mädchen, klingt ein bisschen albern.“
Sie kicherte leise und er war vollkommen bezaubert, von diesen Lauten. Es hörte sich so melodisch an, als würde jemand eine zarte Melodie auf einer Harfe zupfen.
„Kann ich jemanden für dich anrufen? Deine Familie?“
Wieder schüttelte sie den Kopf, fast schon panisch. Jasper verstand. So wie es aussah, war sie wohl weggelaufen. Da er ihr Alter nicht einschätzen konnte – irgendwas zwischen 15 und 25 – war es schwierig, gegen ihren Willen die Polizei zurate zu ziehen. Aber hier lassen wollte er sie auch nicht.
„Hast du einen Ort, wo du hin kannst?“, wollte er wissen.
Wieder ein Kopfschütteln - sehr traurig diesmal.
Jasper seufzte und fuhr sich mit den Fingern durch sein honigblondes Haar. Er kämpfte mit sich selbst. Diese junge Frau war der Grund, warum es ihn so dringend in dieses Hotel gezogen hatte. Er glaubte nicht an Übersinnliches, aber dass er sie hier gefunden hatte, musste doch irgendeine Bedeutung haben! Jasper entschloss sich spontan zu einer folgenschweren Einladung.
„Möchtest du mit mir kommen?“
Sie hatte den Kopf gesenkt und riss ihn jetzt blitzartig wieder nach oben. Erstaunt schaute sie ihn an und dieses Mal nickte sie zustimmend.
Kaum hatte sie ihm durch ihr zaghaftes Nicken ihr Einverständnis signalisiert, durchzuckte ihn plötzlich ein unangenehmer Gedanke. Ihr merkwürdiges Verhalten und ihr leichtbekleideter Aufzug konnten auch ein Hinweis auf etwas ganz bestimmtes sein: Vielleicht war sie ein Callgirl und vor einem gewalttätigen Kunden hierher geflüchtet, bis sie sich sicher war, dass sie das Hotel unbehelligt verlassen konnte. Das würde die fehlenden Schuhe erklären, ebenso ihre verängstigte Miene. Mit manchen Kunden war nicht zu spaßen. Jasper hatte schon einige Mädchen vom Straßenstrich gesehen, die grün und blau geschlagen in der Notaufnahme eines Krankenhauses gelandet waren, weil den Typen aus irgendwelchen Gründen die Sicherungen durchgebrannt waren. Das Alter oder die gesellschaftliche Stellung der Kerle waren dabei vollkommen belanglos, auch der Ort an dem so etwas passierte. Es kam nicht selten vor, dass sich gerade so reiche Typen die Mädchen direkt in ihre Hotelzimmer kommen ließen, um sich fernab von Frau und Kindern, mal so richtig auszutoben.
Mit zusammengekniffenen Augen taxierte er sie genau, wachsam, um ja keine Regung auf ihrem Gesicht zu verpassen, als er sie direkt darauf ansprach:
„Sag mal, kann es sein, dass du hier mit einem Kerl abgestiegen bist und ein wenig….“, er zögerte kaum merklich und suchte nach der passenden Formulierung, „….Ärger mit ihm hattest?“
Sie wich seinem Blick sofort aus und Jasper fühlte sich in seinem Verdacht bestätigt. Ein irrationaler Stich der Enttäuschung fuhr wie ein Pfeil durch seinen gesamten Körper. Er hatte irgendwie gehofft, sie würde ihr Geld nicht in der Horizontalen verdienen. Allein schon der Gedanke daran, wie irgendein alter notgeiler Sack seine Hände auf sie legte, löste einen kaum zu kontrollierenden Brechreiz in ihm aus, zusammen mit dem Wunsch, diesem Typen, unbekannter Weise, das Gesicht blutig zu schlagen, bis man ihn kaum noch erkannte.
Er war ein bisschen erschrocken über diese untypischen Aggressionen, die ihn ihm köchelten und wartete angespannt auf ihre Antwort. Aber noch hatte sie seine Frage weder bejaht, noch verneint. Da sie es offenbar weiterhin vorzog, sich in vornehmes Schweigen zu hüllen, fühlte er sich ein wenig verarscht und wiederholte seine Frage ruppiger, als es eigentlich nötig gewesen wäre.
„Möchtest du mir nicht antworten, oder kannst du es nicht?“, entfuhr es ihm gereizt, nachdem sie in keinster Weise auf seine Frage reagierte. „Hat dich nun jemand hierher bestellt und etwas von dir verlangt, was du nicht zu tun bereit warst!“
Endlich bekam er die ersehnte Reaktion. Sie schüttelte wiederholt den Kopf. Diesmal sehr entschlossen und er meinte einen Hauch von Empörung in ihren Augen zu sehen.
„Also das auch nicht“, stellte er fest und griff sich frustriert ins Haar, weil er mit seinem Latein am Ende war. Zwar war er unglaublich erleichtert darüber, dass sie nicht im ältesten Gewerbe der Welt tätig war. Aber nun stellte er sich erneut die Frage, was sie um diese Uhrzeit in der Putzkammer eines Hotels zu suchen hatte. Jasper wurmte auch die Tatsache, dass sie den Mund nicht aufmachte. Sie machte einen so unglaublich verlorenen Eindruck auf ihn, als wäre sie in einer völlig fremden Welt aufgewacht und wüsste nun nicht, wie sie in ihr zurecht kommen sollte!
„Hast du vor irgendetwas Angst, will dir jemand was Böses?“, hakte er unbeirrt nach. Sie brauchte zweifellos Hilfe und die konnte er ihr nicht geben, wenn sie weiterhin die schweigende Schönheit mimte. Entsetzt beobachtete er, wie ihre Unterlippe anfing zu beben und fühlte sich wie ein fieses Monster, weil er ihr so zusetzte. Aber jetzt aufzugeben, würde ihr nicht weiterhelfen.
„Du hast Angst.“ Es war eine Feststellung, ohne den geringsten Ansatz von Zweifel in seiner Stimme, und ihr bestätigendes Nicken, brachte ihn dazu, ein zweites Mal innerhalb weniger Minuten jede Vorsicht und jede Vernunft über Bord zu werfen. Sie hatte zugegeben, sich zu fürchten und egal in welches Schlamassel sie sich auch hineinmanövriert hatte, Jasper verspürte sofort den unwiderstehlichen Drang sie zu beschützen. Gleichgültig vor wem und ohne Rücksicht darauf, was ihn sein persönlicher Einsatz auch kosten würde. Wenn er schon bei dem armen Teufel im Leichenschauhaus versagt hatte, dann wollte er wenigstens ihr helfen. Jasper erhob sich und streckte die Hand nach unten.
„Komm, steh auf! Ich bring dich hier weg, bevor das Personal uns hier entdeckt und die Polizei verständigt.“
Er sprach sanft, obwohl es ihm schwerfiel geduldig zu bleiben. Die Zeit drängte und sie mussten dringend von hier verschwinden. Währenddessen wanderte ihr Blick zu seiner Hand, ehe sich ihre eigene aus dem dunklen Schatten löste. Die grazilen Finger zitterten und waren kalt, als sie sich schüchtern zwischen seine legten. Jasper umschloss sie warm und fest, den Blick intensiv auf das dunkle Grün ihrer Augen gerichtet. Ein zartes Prickeln begann vorne an seinen Fingerspitzen, sobald er ihre samtig weiche Haut an seiner spürte und erstreckte sich nach und nach über seinen gesamten Arm. Jasper keuchte kaum hörbar. Es fühlte sich an wie ein Stromschlag, nur angenehmer….schöner. Spürte sie es auch?
Behutsam zog er sie hoch und machte einen kleinen Schritt nach hinten, um sie in den helleren Teil des Raumes zu ziehen. Er unterdrückte einen überraschten Laut, als sie endlich aufrecht vor ihm stand und Jasper sie das erste Mal in vollem Umfang sehen konnte. Meine Güte, war sie klein! Geradezu winzig im Vergleich zu ihm. Das Kleid, das sie trug – etwas Vergleichbares hatte er noch nie gesehen, weder auf den Straßen, noch im Fernsehen oder in den Zeitschriften seiner Schwester - komplettierte den Eindruck von fragiler Zartheit, den sie erweckte. Jasper blinzelte irritiert, weil sie irgendwie ….glitzerte. Er merkte aber schnell, dass dieses Schimmern von ihrem Kleid herrührte, das aus einem eigenartigen Material gefertigt war. Auf dem zartgrünen Stoff schillerten unendlich viele Partikel, die aussahen wie feinster Diamantenstaub und das Gewebe darunter, war so dermaßen durchscheinend, dass sich die anmutig geformten Konturen ihres Körpers abzeichneten, als wäre sie nackt.
Jasper schluckte und ließ den Blick fast schon willenlos über sie hinweg gleiten, bis ihm klar wurde, dass sein Starren ihr bestimmt einen völlig falschen Eindruck von ihm vermittelte. Er nahm sich zusammen und konzentrierte sich wieder auf ihr Gesicht. Das kinnlange schwarze Haar umrahmte fedrig ihre herzförmigen Gesichtszüge, die Augenbrauen waren wundervoll geschwungen und ihr Mund…..Jasper hatte Angst, dass sich seine Reaktion auf ihren Anblick unter seiner Hose abzeichnen könnte. Glücklicherweise hielt sie den Blick fest auf sein Gesicht gerichtet, diesmal gar nicht mehr verängstigt, sondern eher mit neugieriger Faszination. Man hätte meinen können, dass sie noch nie einen lebendigen Mann gesehen hatte. Doch genau so wirkte es, als er mit großen Augen zusah, wie sie näher an ihn herantrat. Ihr hübsches Kleid machte dabei raschelnde Geräusche. Es war schulterfrei und floss ihr in feinen, nach unten hin spitzzulaufenden Lagen, bis auf die Knöchel herunter.
Ohne ihn zu berühren blieb sie nur Zentimeter von ihm entfernt stehen. Den Mund halb offen betrachtete sie ihn staunend. Vor allem seine Kleidung schien gewaltigen Eindruck auf sie zu machen, denn sie hob den Arm und pickte mit ihrem ausgestreckten Finger, vorsichtig gegen den aufgeblähten Stoff seiner Winterjacke. Ihr Mund spitzte sich vor Schreck noch ein wenig mehr, als das Material unter ihrem Fingernagel nachgab und Jasper konnte nicht anders, als wieder auf ihre sinnlich aufgeworfenen Lippen zu starren. Diese rosigen Polster sahen so saftig und weich aus, dass seine Fantasie buchstäblich kollabierte. Der blumige Duft, der von ihr ausging, gab ihm dann endgültig den Rest. Er war so süß und berauschend, dass er am gern auf die Knie gesunken wäre, um das Gesicht an ihren Bauch zu pressen und ihn direkt an ihrer Haut zu inhalieren. Oh Mann, ich brauche dringend eine Freundin, wenn so etwas Harmloses wie ein gutes Parfum, mich so aus der Fassung bringt, dachte er mit einem Hauch Verzweiflung. Räuspernd nahm er sich zusammen und bemühte sich, sie nicht allzu unverhohlen anzugeifern.
„Wo sind denn deine Schuhe und dein Mantel?“, fragte er mit rauer Stimme.
Verständnislos sah sie ihn an und zuckte mit den Schultern. Jasper traute seinen Augen nicht.
„Keine Schuhe, kein Mantel?“, fragte er sicherheitshalber nochmal nach.
Ein verlegenes Kopfschütteln und Jaspers Finger fingen an zu brennen. Ein sicheres Anzeichen von beginnender Nervosität bei ihm. Wie sollte er sie unauffällig aus dem Hotel bekommen, wenn sie SO herumlief, abgesehen davon, dass sie schon nach wenigen Metern einen Kälteschock erleiden würde.
„Hast du wirklich gar nichts bei dir? Nicht mal eine Handtasche?“
Sie überlegte und machte wieder eine verneinende Geste. Jasper fühlte sich total überfordert. Eine Frau ohne ihre heißgeliebte Handtasche, war praktisch ohne eigene Identität. Er hatte gehofft, in einem unbeobachteten Moment, einen Blick hineinwerfen zu können, um vielleicht einen Führerschein oder einen Sozialversicherungsnachweis darin zu finden.
„Nun gut, also auch keine Handtasche“, meinte er ein wenig deprimiert. Verdammt, was sollte er jetzt nur tun? So wie sie war, konnte er sie unmöglich mitnehmen. Sie brauchte schleunigst ein paar Schuhe und etwas Anständiges anzuziehen. Doch woher nehmen, wenn nicht stehlen? Plötzlich kam ihm eine Idee und er tastete in seiner Jacke nach seinem Handy.
„Einen Moment, ich muss nur kurz jemanden anrufen“, meinte er auf ihren misstrauischen Blick hin. Gleichzeitig suchte er in seinem Verzeichnis schon nach einer bestimmten Nummer. Es gab nur eine Frau in New York, der er genug vertraute, um sie mitten in der Nacht durch die Stadt zu jagen, damit sie ihm mit ein paar Klamotten aus ihrem Kleiderschrank aushalf. Jasper ließ es bei ihr klingeln und ein ganzer Felsbrocken fiel ihm von der Brust, als er endlich ein verschlafenes „Hallo“ vernahm.
„Bella… entschuldige bitte die späte Störung, aber ich hab hier gerade ein gewaltiges Problem……“
Hey Leute, die Wörterhexe meldet sich noch einmal kurz zu Wort. Wie ihr an meinem Intro schon bemerkt habt, geht die ganze Story eher in die Richtung fantastische Welten oder einem Märchen. Ich hoffe, ich kann euch damit ein bisschen aus dem alltäglichen Wahnsinn holen, wünsche euch noch einen zauberhaften Abend, bedanke mich herzlich fürs Lesen und lass ein wenig Feenstaub auf eure Häupter niederrieseln. Fröhliches Glitzern noch, eure Vivian.
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